Was CRV misst
Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) setzt den erwarteten Kursgewinn (Upside) in Relation zum erwarteten Verlustpotenzial (Downside). Ein CRV von 2.0 bedeutet: doppelt so viel Aufwärtspotenzial wie Abwärtsrisiko.
Verdiq berechnet CRV nicht als einzelne Zahl, sondern als Band — eine untere Grenze (crv_low) und eine obere Grenze (crv_high). Eine Spanne ist ehrlicher als ein Punkt: sie gibt an, wo das Verhältnis liegt, anstatt Präzision vorzutäuschen die nicht existiert.
Woher die Zahlen kommen
Für Aktien mit ausreichender Analysten-Deckung — mindestens vier Analysten mit vollständigen Kurszielen — ist der CRV deterministisch berechnet. Aus Marktdaten, nicht aus der Debate.
Upside kommt aus drei Analystenzielen: pessimistisches Kursziel, Konsens, optimistisches Kursziel.
Downside kommt aus einem regimeabhängigen Modell: Wie stark würde diese Aktie bei einem Markt-Drawdown fallen? Die Antwort hängt vom Beta der Aktie ab — ihrer historischen Sensitivität gegenüber Marktbewegungen — multipliziert mit einem Drawdown-Annahme die vom aktuellen CAPE-Regime bestimmt wird. Bei EXTREM_TEUER rechnet das System mit einem grösseren möglichen Rückschlag als bei GÜNSTIG.
Die drei Upside-Szenarien gegen einen gemeinsamen Downside bilden das Band: crv_low ist das konservativste Szenario, crv_high das günstigste, crv_mid (Bandmitte) der Konsens-Wert.
Stehen weniger als vier Analysten mit vollständigen Kurszielen zur Verfügung — bei kleineren Unternehmen oder Wertpapieren an Nicht-US-Börsen ist das häufig der Fall — gilt das System als nicht ausreichend qualifiziert für eine Kaufentscheidung. Verdiq stuft solche Kandidaten automatisch auf BEOBACHTEN.
Sektorspezifische Risikoaufschläge
Beta misst die Korrelation mit dem Gesamtmarkt — aber nicht alle Risiken bewegen sich mit dem Markt. Eine Pharmafirma kann in einem ruhigen Markt einen starken Kurseinbruch erleiden, wenn ein Patentschutz ausläuft und Generika-Konkurrenz den Umsatz halbiert. Dieses Risiko erscheint nicht in Beta.
Für solche idiosynkratischen Risiken rechnet das System mit Aufschlägen die direkt auf den Downside addiert werden — unabhängig von Beta. Der höhere Wert aus systematischem Downside (Beta-Floor × Drawdown-Annahme) und idiosynkratischem Aufschlag gewinnt:
| Sektor | Risikotyp | Aufschlag |
|---|---|---|
| Pharma / Healthcare | Patent-Ablauf, Generika-Eintritt | 25% |
| Versorger (Utilities) | Regulierungsrisiko, Preisdeckelung | 20% |
| Nicht-zyklischer Konsum | Säkularer Nachfragerückgang | 22% |
| Telekommunikation | Preiserosion reifer Märkte | 18% |
| Zyklischer Handel | Strukturwandel durch E-Commerce | 25% |
Sektoren die nicht in dieser Liste erscheinen — etwa Technologie oder Finanzdienstleister — sind intern zu heterogen für einen pauschalen Aufschlag. Dort gilt ausschließlich der Beta-Floor von 0.8.
Bei Sanofi: systematischer Downside 16% (Beta-Floor 0.8 × 20% Drawdown-Annahme), idiosynkratischer Aufschlag 25%. Der höhere Wert gewinnt — Downside-Annahme: 25%.
Das absolute Veto
Es gibt eine Regel die keine Ausnahme kennt: liegt crv_high — die obere Grenze des Bandes — unter 0.9, ist das Verdict automatisch MEIDEN.
Nicht wenn das Unternehmen technologisch führend ist. Nicht wenn alle anderen kaufen. Wenn das Chance-Risiko-Verhältnis selbst im günstigsten Szenario unter 0.9 liegt, kauft Verdiq nicht.
Warum die Schwelle vom CAPE-Regime abhängt
Ein fixer CRV-Schwellenwert würde einen entscheidenden Kontext ignorieren: wie riskant der Markt insgesamt ist.
Bei CAPE unter 15 — einem Crash-Regime — sind Bewertungen tief, historisch folgen überdurchschnittliche Renditen. Hier reicht CRV 1.2.
Bei CAPE über 38 — EXTREM_TEUER — sind Rückschläge wahrscheinlicher und tiefer. crv_mid (Bandmitte) muss mindestens 2.5 erreichen, damit ein KAUFEN-Urteil des Richters bestehen bleibt.
Die Schwelle steigt mit dem Bewertungsniveau. Das entspricht dem, was ein rationaler Investor intuitiv tun würde — ohne die Intuition dabei zu benötigen.
Was das Band für Entscheidungen bedeutet
Ein Band von 0.45 bis 2.48: kein MEIDEN, kein KAUFEN — BEOBACHTEN. Im pessimistischen Szenario würde die Aktie Kapital vernichten, im optimistischen wäre sie kaufenswert. Das System hat keine Konfidenz für eine Kaufentscheidung.
Ein Band von 1.28 bis 8.41 bei einem KAUFEN-Urteil des Richters: Der Rail interveniert nicht — Bandmitte ca. 4.85, weit über der Regime-Schwelle 2.5. Das Richter-Urteil KAUFEN bleibt.
Ein Band von -4.12 bis 6.62: BEOBACHTEN. crv_high über 0.9 — kein hartes Veto. Aber crv_low negativ bedeutet: im pessimistischen Szenario droht erheblicher Verlust. Das System kauft nicht.
Wie Verdiq mit dem CRV umgeht
Der CRV-Rail läuft nach der Debate — nicht als Teil von ihr. Er ist eine reine Bremse: Er kann ein KAUFEN auf BEOBACHTEN abschwächen, ein BEOBACHTEN auf MEIDEN setzen. Nach oben korrigieren kann er nicht. Das LLM-Urteil bestimmt die Richtung; der Rail überprüft die Arithmetik.
Ein KAUFEN-Verdict ohne ausreichendes CRV-Band existiert nicht.